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Allalinhorn - mein erster 4000er

Seit ich ein kleiner Junge bin fasziniert mich das Allalinhorn. Es war nicht primär die Höhe 4027m, also ein Viertausender, sondern die Form und die weisse Schönheit dieses Walliser Berges. Das schöne Allalinhorn, der Inbegriff eines Berges, der jeweils nicht vom Saharastaub betroffen ist und so weiss über den noch verbleibenden Gletscher auf Saas-Fee hinab schaut. Ein wunderschöner Berg. 


Gipfelpanorama auf dem Allalinhorn
Gipfelpanorama auf dem Allalinhorn

Der Traum

Allalinhorn (4027m)
Allalinhorn (4027m)

Einmal möchte ich dort oben auf dem Gipfel stehen. Das wünschte ich mir. Die letzten über vierzig Jahre blieb das ein Traum. Schon nur wegen meiner Höhenangst. Bis ich dann 2012, als ich in Saas-Almagell Herbstferien machte, den Entschluss gefasst habe, mein Schwindelgefühl zu behandeln. Am Zibelemärit 2012 habe ich mich von Coach Rolf Hartmann hypnotisieren lassen. Mein Unterbewusstsein wurde mit der tollen Situation konfrontiert, dass ich durchaus wie ein Steinbock am Berg stehen kann. Kurz darauf, im Januar 2013, konnte ich dies ein erstes Mal auf dem Skytower in Auckland prüfen. Es hat geklappt. Die weichen Knie und die feuchten Hände waren weg! Ein zweiter Test erfolgte im Februar 2013 auf der Südinsel von Neuseeland: ein Fallschirmsprung aus 15'000 ft (4'500m) mit 60 Sekunden Freifall. Das war eines der grössten Erlebnisse meines Lebens. Und auch da, keine Sekunde Angst oder Selbstzweifel oder eben Höhenangst! Ich glaubte, meine Höhenangst wirklich bezwungen zu haben, wollte aber noch einen dritten Test durchführen: eine Alpinwanderung zu einer SAC-Hütte. Zusammen mit Jürg bin ich im September 2013 zu meiner ersten SAC-Hütte gelaufen, zur Gelmerhütte (2412m) im Haslital. Die Passage dem Gelmersee (1850m) entlang hätte ich ein Jahr zuvor kaum geschafft. Nun hat es geklappt. Mich packte die Zuversicht, dass ich meine Höhenangst nun doch recht reduzieren konnte. Ich war bereit für "Grösseres". 

Das Projekt "P4000"

Am 30. Dezember 2013 planten Jürg und ich im "Einstein" bei einem guten Glas Wein das Projekt "P4000". Ein Vorhaben, welches uns im 2014 auf einen Viertausender bringen soll. Mein Traum soll in Erfüllung gehen und ich besteige "mein" Allalinhorn. Wir planten ein Aufbautraining, so gut es in unseren übrigen gefüllten Jahresplan passte. Ich plante zusätzlich einen Kletterkurs. Am 1. Januar 2014 begann ich mein Höhenmetertraining mit einer kurzen Wanderung auf den Gurten. Das hatte symbolischen Charakter. Ein spezielles Jahr hatte begonnen. Im Mai 2014 absolvierte ich zusammen mit Attila den geplanten Kletterkurs in der Kletterhalle "Magnet" in Bern. Dies war wieder ein Schlüsselerlebnis. Ich erlernte den Umgang mit dem Seil und vor allem, den direkten Umgang mit der Höhe. Das klappte bis am Schluss sehr gut! Ich ergänzte meine neu erworbene Alpinausrüstung (Klettergurtzeug, Karabiner) mit Pickel, Steigeisen und Stülpen. Es wurde langsam konkret... zumindest, was das hochwertige Material anbelangte. Am Wochenende vom 17./18. Juli 2014 stand ein weiterer Prüfstein auf dem Programm: Zwei SAC-Hütten an zwei Tagen nacheinander erwandern. Viele Höhenmeter und Test, ob meine Knie das Runterlaufen aushalten. Mein Höhenmeter-Trainingsstand war zu dieser Zeit etwa bei einem Drittel gegenüber Jürg. Ich habe dies beim Aufstieg von Saas-Almagell zur Almagellerhütte (2894m) auch gut gespürt und musste "beissen"; umso glücklicher war ich dann oben beim verdienten Feierabendbier. Der Abstieg am Folgetag war dann wieder etwas dämpfend für meine Gefühlswelt: mein linkes Knie spuckte wieder und ich konnte kurz vor Kreuzboden kaum mehr schmerzfrei laufen. Zur Weissmieshütte SAC (2726m) habe ich es dann doch geschafft, war aber froh, dass dies nicht noch einmal 1000 Höhenmeter waren. Ich musste jedoch eingestehen, dass ich mehr Training in den Beinen haben sollte. Ein Aufstieg zum Allalinhorn von Saas Almagell via Britanniahütte war ein grosses Ziel...

Inzwischen hatte Jürg mit seinem Bruder das Allalin (und am Tag darauf den Weissmies) bestiegen; ab Mittelallalin. Aha, aber ab dort schaffe ich es auch und ich machte mich an die Planung. Danny, der Bergführer, war am 30. August 2014 dazu verfügbar....

Saas Fee Panorama ab Hannig
Saas Fee Panorama ab Hannig

Am 29. August empfing mich Saas-Fee mit trübem Wetter. Ich kaufte mir Essen und Getränke und bereitete meine Bergsteiger-packung vor. Vor Feierabend der Bergbahnen nutzte ich die Gelegenheit und wanderte von der Hannig nach Saas-Fee als kleines Anpassungstraining. Nach dem Nachtessen im Hotel Allalin wollte ich einen ausführlichen Dorfspaziergang machen. Es regnete jedoch in Strömen. Ich war deprimiert. Wie im Himmelswillen soll ich morgen tolle Fotos auf dem Allalinhorn machen können? Vermutlich muss die Tour sogar abgesagt werden? "Dani, morgen wird ein genialer Tag, du wirst sehen!" So der Bergführer am Telefon.

 

So ging ich dann einigermassen zuversichtlich zu Bett....

Der Aufstieg

30. August 2014. Heute soll ein grosser Tag werden! Danny ruft mich um 7 Uhr an: "Dani, das Wetter wird super. Die Bahn fährt jedoch nicht; ein Blitz hat eingeschlagen. Das ist nicht so schlimm, ich habe einen Plan B: wir gehen auf den Weissmies!" Wow. Das war eine Nachricht. Oh, nicht auf mein geliebtes Allalinhorn! Aufs Weissmies? Schaffe ich das? Jürg hat doch dort "gebissen"? Egal, ja, ich schaffe das, gehen wir halt auf den Weissmies....

 

Um 07:15h treffe ich Danny bei der Postautostation in Saas-Fee. Er will mich abholen. Und, er kommt mit einem grossen Motorrad. Wieder mache ich grosse Augen; das wird ja ein lustiger Tag... Dann die erlösende Nachricht auf seinem iPhone: die Bahn fährt wieder... und ich freue mich riesig auf mein Allalinhorn! Wir werden vor den vielen wartenden Skifahrern in die Bahn gelassen und haben die ganze Fahrt bis zum Mittelallalin für uns!

 

Oben angekommen, drückt das schöne Wetter durch die Wolken, das kommt gut. Wir montieren Klettergurt und Steigeisen und machen uns für den Abmarsch bereit. Meine Nervosität ist weg. Jetzt will ich nur noch hoch! Gemütlich laufen wir ab... jetzt bin ich auch einer von denen, die am Pistenrand entlang zum Liftende laufen. 

Gletscherspalten unterhalb Feejoch
Gletscherspalten unterhalb Feejoch

Wir laufen durch einen Schneecouloir, welcher zum Schutz der Skipisten erstellt wurde. Da hat kürzlich das Allalinhorn etwas von sich abgespalten. Eine Vorsichtsmassnahme. Bald wird es schmal. Danny montiert uns das Seil. Gemütlich geht es nun dem Hinter Allalingrat entlang nach oben. Unter uns die riesigen Gletscherspalten. Links von uns das Allalinhorn. Vor uns das immer bessere Wetter. Der Aufstieg ist problemloser als angenommen. Das Tempo stimmt. Mein Puls und meine Atmung auch. Auf dem Feejoch gibt es eine kurze Verschnauf- und Fotopause.

 

Wir treffen ein deutsches Paar, welches letztes Jahr mit Danny Touren gemacht hat. Ein freudiges Wiedersehen. Sie besteigen das Allalinhorn zum 7. Mal! Ob ich auch mal so oft oben bin...?

Täschhorn 4490m und Dom 4545m
Täschhorn 4490m und Dom 4545m

Das Panorama ist unbeschreiblich: nach rechts: der Feechopf, der Alphubel (dieser sieht übrigens von hier ganz anders aus als von Saas-Fee), die Mischabelgruppe mit Täschhorn, Dom und Lenzspitze. Vor uns die schöne Spitze des Rimpfischhorns und etwas weiter links das wie das Allalinhorn schön weisse Strahlhorn. In der Ferne sticht das Matterhorn durch die Wolken. Ein wunderbar mystisches Bild, Wolken sei Dank. Und natürlich links, ganz nahe bei uns, der Gipfel des Allalinhorn. Es scheint nicht mehr weit. Wir laufen weiter. Im Zickzack-Kurs kommen wir der Spitze immer näher. ich laufe im gleichen Rhythmus wie Danny. Im Rhythmus laufen ist viel weniger anstrengend. Und, sobald ich das Panorama bestaunen will, falle ich aus dem Rhythmus, also, warten mit gucken, bis ich oben bin.

Überglücklich auf dem Gipfel des Allalinhorn auf 4027m
Überglücklich auf dem Gipfel des Allalinhorn auf 4027m

Dann, die letzte Kurve und wir sind auf dem Gipfel. Und dann sind sie da, die feuchten Augen. Glück und Freude pur. Ich habe es geschafft: ich bin auf meinem Allalinhorn, mein erster Viertausender, meine erste Alpintour mit Seil und Steigeisen. Und ich fühle mich, wie ich das schon immer getan hätte. Eine Gruppe aus Chamonix ist auch oben. Wir kommen aber gut aneinander vorbei und beginnen mit dem Fotoshooting. Als Pilot kenne ich das Alpenpanorama ja sehr gut, aber das Gefühl, auf einem Viertausender zu stehen und das Panorama zu geniessen, ist noch viel schöner. Das Wetter ist perfekt. Wenig Wind, blauer Himmel, gezeichnet von Wolken, Sonnenschein, eine traumhafte Kulisse. Wir plaudern mit dem deutschen Paar, verpflegen uns, fotografieren, lachen, schwärmen, geniessen. Ich könnte stundenlang hier oben bleiben. Schwindelgefühl? Überhaupt nicht. Wie weg geblasen. Die Hypnose hat wirklich etwas ausgelöst.

Blick vom Feejoch zum Gipfel
Blick vom Feejoch zum Gipfel

Nach einer guten halben Stunde machen wir uns wieder auf den Weg. Es kommen nun immer mehr Seilschaften hoch. Runter geht es viel schneller. Ich vorne, Danny hinten. "Musst nicht so pressieren Dani, die haben auch in einer Stunde noch Bier auf dem Mittelallalin!" meint Danny. Und wie er Recht hat. Ich gehe wieder zu schnell...

 

Beim Feejoch machen wir wieder Fotohalt und warten auf das deutsche Paar. Mittlerweilen sind sicher über 10 Seilschaften hier. Ab hier laufen wir mit Pickel. Wir laufen wieder dem Grat entlang, oberhalb der Gletscherspalten. Ich fühle mich sicher und gut.  Das macht richtig Spass! Zwischendurch stoppen wir für ein Foto.

Zügiger Abstieg vom Allalinhorn - das Bier wartet
Zügiger Abstieg vom Allalinhorn - das Bier wartet

Danny hat meine Nikon D800 und fotografiert mich in diesem gewaltigen Panorama. Unten fahren sie Ski.

 

Dreimal weichen wir einer hochkommenden Seilschaft aus. Und dann sind wir wieder vor dem Couloir und wir lösen das Seil vom Klettergurt.

 

Der Schnee wird allmählich weicher. Wir laufen über die Skipiste in Richtung Alllain. Die letzten Meter sind irgendwie anstrengend. Der Schnee ist wie Seife, so weich. 

Auf der Terrasse auf dem Mittelallalin - ein Blick zurück
Auf der Terrasse auf dem Mittelallalin - ein Blick zurück

 Und dann sind wir zurück auf dem Mittelallin, zurück vom Allalinhorn, von meinem Berg! Nach einem grossen Bier verabschiedet sich Danny von mir.

Ich bleibe noch auf der Terrasse. Die Sonne geniessend. Noch einmal nachspüren. Ab und zu eine Träne zulassen. Die Freude ist so gross!

Danke...

Ich danke....
...Marianne, für ihren Support und dass sie mir ermöglicht, solch tolle Erfahrungen machen zu dürfen. 
...Danny, meinem Bergführer, für die tolle Tour.
...Jürg, für unser gemeinsames Projekt "P4000", welches wir sicher fortführen.
...Rolf und mentalpeak, für seine "Höhenangst-Hypnose".
...Attila für die gemeinsame Klettererfahrung im "Magnet".
...Reto, meinem Walliser Freund und inzwischen Matterhorn-Bezwinger, für den motivierenden Austausch zum Thema "Walliser Berge besteigen".
...Fabian für den tollen Dessert am Abend, die stets tolle Gastfreundschaft und Freundschaft.


Ihr Berner Fotograf  für

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